New Audience Symposium #6: „Wir sind alle Zuhörende.“
Was verändert sich, wenn ein Konzert nicht im Konzertsaal, sondern auf einer psychiatrischen Station stattfindet? Beim sechsten New Audience Symposium ging es genau darum: Welche Wirkung kann Live-Musik in einem psychiatrischen Umfeld entfalten – und was bleibt, wenn die Musik längst verklungen ist?
21 internationale Teilnehmende kamen digital zusammen, um über „Die psychiatrische Klinik als Konzertort“ zu diskutieren. Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur die Patient*innen, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen, den behandelnden Personen und den Musiker*innen.
Ein Konzert kann auch über den eigentlichen Moment des Zuhörens hinaus wirken. Ivan Nenchev, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie im St. Hedwig-Krankenhaus Berlin, beobachtet, dass Patient*innen nach Musethica-Konzerten häufig ein größeres Interesse an Musiktherapie zeigen. Die Konzerte geben Impulse, die anschließend in den Therapiesitzungen weiter aufgegriffen werden können. Auch Katarzyna Fąk, Leiterin der Klinik für psychische Gesundheit in Warschau, erlebt Patient*innen nach den Konzerten als offener und gesprächsbereiter.
Gleichzeitig kann die ungewohnte Situation zunächst Stress auslösen. Gerade darin liegt aber auch eine Möglichkeit, mit diesen Gefühlen in einem neuen Rahmen umzugehen. Im Symposium entstand deshalb die Frage, ob regelmäßige Konzerte, beispielsweise alle drei bis sechs Monate, diese Wirkung verstärken könnten.
„Wir sind alle Zuhörende.“
Zudem wurde die Frage diskutiert, inwiefern sich auch das Verhältnis zwischen Patient*innen und Behandelnden während eines Konzerts verändert. Vollständig verschwinden bestehende Hierarchien dabei nicht. Gerade bei Kindern und Jugendlichen bleiben Ärzt*innen und Therapeut*innen wichtige Bezugspersonen, so Michael Lipp, Leitender Oberarzt der Fachklinik für Junges Leben der Diakonie Nord Nord Ost in Lübeck. Und dennoch entsteht ein besonderer Moment: „Wir sind alle Zuhörende“, sagt Ivan Nenchev. Patientin, Therapeutin oder Musiker*in – alle teilen zunächst dieselbe Erfahrung: Sie hören Musik. Für die Dauer des Konzerts tritt die professionelle Rolle ein Stück weit in den Hintergrund.
Dabei spielt der Ort und insbesondere die vertraute Umgebung eine wichtige Rolle. Wenn Musiker*innen direkt in die Klinik kommen, entsteht eine andere Situation, als wenn Patient*innen ein Konzert außerhalb der Einrichtung besuchen. „Bei Musethica kommt die Musik zu uns“, so Nenchev. Damit führt das Symposium ein Thema fort, das auch in früheren New Audience Symposia eine Rolle spielte: Ein Konzert findet nicht unabhängig von seinem Umfeld statt. Der Ort beeinflusst, wie Menschen einander begegnen und wie sie die Musik erleben.
Mehr als nur passives Zuhören
Gerade für junge Menschen ist die unmittelbare, analoge Begegnung mit Musiker*innen von besonderer Bedeutung, so Lipp. Sie hören heute täglich Musik, etwa über YouTube oder andere digitale Angebote, aber vergleichsweise selten live. Im Live-Konzert sind sie dabei nicht nur passive Zuhörer*innen, sondern das gemeinsame Zuhören wird zu einer Form der Beteiligung.
Zugleich unterbricht Musik den gewohnten Alltag einer Klinik. Für Ludwig Both, Musiktherapeut am Vivantes Klinikum - Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Berlin, liegt eine besondere Kraft der Musik darin, Menschen zu verbinden - mit sich selbst und mit anderen - und durch das gemeinsame Zuhören Vertrauen entstehen zu lassen.
Zum Abschluss richtete sich der Blick auf die Perspektive der Musiker*innen. Musethica-Tutorin Erica Wise beschrieb es als Geschenk, in sozialen Institutionen spielen zu können. Für Ivan Nenchev gehört dazu aber auch Mut: Als Musiker*in in eine psychiatrische Einrichtung zu kommen, bedeutet, sich auf einen ungewohnten Ort und eine besondere Begegnung einzulassen.
Das Symposium fand im Rahmen des von der EU geförderten Projekts 1000+ Concerts: Innovating Higher Education Through Social Inclusion statt.

